Warum es normal ist, dass Kinder heikel sind

Warum es normal ist, dass Kinder heikel sind

 „Am liebsten mag mein Kind Nudeln ohne alles!“

„Gemüse geht gar nicht, Obst wenn ich Glück habe!“

„Mein Kind isst grade mal Mini-Portionen – egal, was ich koche!“

Heikle Kinder sind schlechte Esser – und daneben sitzen meist besorgte Eltern.

Was aber auch kein Wunder ist! Denn es gehört zu unseren evolutionsbedingten Ängsten, dass wir uns Sorgen machen, ob wir unseren Nachwuchs gut nähren können, damit er über den nächsten Winter kommt und so den Fortbestand der Spezies sichert …

Dass „gefühlt schlechte“ Esser das oft gar nicht sind, habe ich schon mal im Artikel Woran du erkennst, dass dein Kind satt ist aufgegriffen.
Heute soll es darum gehen,

  • warum Kinder oft so heikel sind
  • warum du trotzdem ganz gelassen bleiben kannst
  • ob du für sie extra kochen sollst
  • wie du sie zum Kosten neuer Geschmäcker motivieren kannst
  • und wie du trotz allem eine entspannte Situation am Familientisch haben kannst

Kinder sind aus mehreren Gründen heikel!

Ich komme jetzt gleich nochmal auf die Evolution zurück: wir Menschen als Spezies hätten nicht überlebt, wenn Kinder nicht heikel wären!

Kinder waren in der meisten Zeit der Menschheitsgeschichte nicht so gut behütet wie heutzutage. Sie haben rund zwei Jahre ganz dicht bei der Mutter (oder anderen weiblichen Personen der Sippe) verbracht. Sie wurden getragen, wenn die Sippe herumzog und ihre Nahrung bezogen sie sicher und direkt an Mamas Busen. Beikost vom Mammut war wohl am Steinzeit-Lagerfeuer wohl noch kein Thema …

Wenn das nächste Geschiwsterkind geboren wurde, folgte der Wechsel in die Kindergruppe – und nein, dort gab es keine Aufsicht. Stell dir also lieber einen Haufen Kinder vor, die durch Wald und Wiese tollen.

Da war es wohl keine so gute Idee, sich jedes Gräslein, jede Beere direkt in den Mund zu stecken. Besser mal vorsichtig sein und das Gräslein wieder auszuspucken, wenn es bitter (= potentiell giftig!) schmeckte. Oder die Beere, wenn sie sauer (= unreif, also potentiell ungenießbar!) schmeckte.

Diese Angst vor Unbekanntem, in dem Fall unbekanntes Essen heißt auf schön wissenschaftlich Neophobie. Die entwickelt sich bei den meisten Kindern erst im zweiten, dritten Lebensjahr. Klar, vorher hat man die im Lauf der Evolution auch nicht gebraucht – siehe sichere Versorgung mit Muttermilch. Das erklärt auch, warum viele Kinder als Babys offen gegenüber vielen Geschmäckern sind und dann plötzlich von einem Tag auf den anderen Zucchini ablehnen, der bisher problemlos gegessen wurde.

Außerdem darf man nicht vergessen, dass Babys und Kleinkinder noch ganz frische, „unverdorbene“ Geschmacksknospen haben. Sie schmecken also viel intensiver als wir Erwachsene. Brokkoli ist für sie viel bitterer als für uns. Da können wir ihn noch so liebevoll versuchen, ihn dem Kind als „Bäumchen“ zu verkaufen …

Manche Kinder sind sogar so geschmacksempfindlich, dass sie als „Supertaster“ bezeichnet werden. Sie sind besonders empfindlich (und damit heikel!) bei fetten Speisen.

Du siehst, es ist also völlig normal, dass Kinder heikel sind – im Gegenteil, es hat ihnen in früheren Zeiten sogar das Leben gerettet.

„Ja, mag sein, Vera – aber ich mach mir trotzdem Sorgen, dass mein Kind nicht genug Nährstoffe zu sich nimmt, wenn es nur ganz wenige ausgewählte Speisen isst“ wirst du jetzt vielleicht sagen. Dann lies einfach weiter ????

Warum du trotzdem ganz beruhigt sein kannst

Ich stelle dir jetzt einige Erkenntnisse aus der Ernährungspsychologie vor. Da gibt es zum einen den „Mere-Exposure“-Effekt, der Hand in Hand geht mit der „sensitiven Sättigung“.

Ersterer besagt, dass unsere Geschmacksknospen sozusagen auf bekannte Geschmäcker kalibriert werden. Was wir oft essen, kennen wir. Und wir haben die Erfahrung gemacht, dass wir es gefahrlos zu uns nehmen können.  Also essen wir sehr gerne noch mehr davon!

Simpel gesagt bedeutet das eine interessante Umkehrung: wir essen also unsere Lieblingsspeisen nicht deshalb so gerne, weil sie uns so gut schmecken, sondern weil wir sie so oft essen, schmecken sie uns gut!

Und damit wir nicht IMMER nur das gleiche essen (weil wir dann vielleicht durch einseitige Ernährung auch nur einseitige Nährstoffe aufnehmen würden), sorgt die sensitive Sättigung dafür, dass wir irgendwann genug von einem Geschmack haben und Appetit und Gusto auf etwas anderes entwickeln.

Das kann nun relativ schnell gehen oder auch seine Zeit brauchen, bis das Zusammenspiel greift. Folgende Beispiele kennst du vielleicht von dir selbst:

„Nachspeise geht immer!“ - Eigentlich ist der Bauch schon übervoll von der Hauptspeise, aber für einen anderen Geschmack ist immer noch Platz. Lustig wird es mit der sensitiven Sättigung bei einem Buffet – da könnte ich ja fast unendlich essen, weil immer, wenn ich genug vom Pikanten habe, steht das Süße bereit und umgekehrt …

Oder manchmal hat man über Wochen ständig Appetit auf etwas Bestimmtes und könnte es drei Mal die Woche essen und dann plötzlich hat man sich daran „abgegessen“

Eine weitere sehr spannende Sache ist der „Garcia-“ oder „Sauce Bernaise-Effekt“. Dieser wird vom US-Psychologen John Garcia beschrieben. Stellt sich nach dem Genuss einer Speise Übelkeit und/oder Erbrechen ein, wird diese Speise in Zukunft mehr oder weniger dauerhaft abgelehnt. Herrn Garcia hat dieses Schicksal nach einem Mittagessen mit Sauce Bernaise ereilt, deshalb der Name.

Deshalb ist es vielleicht gar keine so schlecht Idee, die Kids mal so richtig ausgiebig naschen zu lassen. Das mag auf lange Sicht den Gusto drauf nehmen!

So das alles mag uns ja jetzt erstmal beruhigen, aber wir wollen ja nicht komplett resignieren. Deshalb hab ich hier noch ein paar erprobte Strategien zum Ausprobieren für dich.

So erhöhst du die Motivation deines Kindes neue Lebensmittel auszuprobieren

Schauen wir zurück auf unsere Steinzeitkindergruppe – wie haben denn die gelernt, welche Lebensmittel genießbar sind und welche nicht?

Ganz einfach – durch Beobachtung!

Hat man des öfteren ein Kind die Beeren von einem Strauch essen gesehen, ohne dass es sich übergibt, eine grüne Nasenspitze bekommt oder sonst etwas Schlimmes passiert, wird man es auch irgendwann probieren.

Das hast du sicher schon mal gemerkt: sitzen mehrere Kinder in der Runde, werden Dinge ausprobiert, die allein zu Hause nicht einmal eines Blickes gewürdigt würden!

Deshalb merke: Kinder (= Menschen) sind Gesellschaftsesser!

Oft wird von der Vorbildwirkung gesprochen. Natürlich ist die wichtig. Beim Thema Essen ist aber vor allem das Vorbild anderer Kinder wichtig. Nach der Logik: was ein Erwachsener verträgt, muss einem Kleinen nicht unbedingt guttun!

Wenn du dann schon eine Kindergruppe zur Jause bei dir hast, biete verschiedene Obst- und Gemüsesorten auf einem Teller an, von dem sich jeder nehmen kann, was er möchte.

Warum? Wir Menschen sind so gestrickt, dass wir bei unterschiedlichem Angebot gerne von allem ein wenig probieren Im Hirn wird da ein Impuls freigeschalten, der etwas in Richtung „Moment, von dem hier habe ich noch nichts“ sagt und schon nehmen wir von jeder Sorte ein Stück. (Ich sage nur: Dessertbuffett!)

Zur Geschmacksgewöhnung kannst du versuchen, neue Geschmäcker in kleinen, mitunter mikrokleinen Portionen in gewohnte Gerichte einzubauen. Das führt sukzessive dazu, dass auch der neue Geschmack akzeptiert wird.

Beispiel Linsen:
Die wurden von meiner Tochter in ihrer Reinform abgelehnt. Als kleinen Bestandteil der Kürbissuppe (dort koche ich immer eine Handvoll mit, weil sie die Suppe etwas binden!) wurden sie aber nicht sofort bemerkt und mittlerweile – Jahre später – wird sogar Linsensuppe gegessen. Ist zwar noch immer nicht die Lieblingsspeise, aber wenn sie schon auf den Tisch kommt …

Die Motivationsstrategien noch einmal kurz zusammengefasst:

  • Sorge immer wieder für Gesellschaft von Kindern beim Essen
  • Biete verschiedene Sorten Obst und Gemüse auf einem Teller an
  • Verpacke ungewohnte Geschmäcker in Kleinstmengen in gewohnte Speisen

 „Aber wenigstens einen Bissen kosten!“

In vielen Familien gilt die Regel, dass man wenigstens einen Bissen kosten muss, bevor man es ablehnen darf. Das ist prinzipiell auch ok und gut, denn je öfter ein Kind einen Geschmack kennenlernt, umso eher wird es ihm auch akzeptieren und mögen (siehe weiter oben der Mere-Exposure-Effekt)

Aber bitte nicht kosten um jeden Preis!

Vermeide es, dass dieses „Kosten-müssen“ in einen Machtkampf ausartet, der die Stimmung am Esstisch komplett zerstört. Sonst sind letztendlich alle sauer und das Essen schmeckt keinem mehr.

Die Strategie heißt also „Anbieten, anbieten, anbieten“ – aber es ist und bleibt ein Angebot und das Kind bestimmt, ob es das Angebot annimmt oder nicht.

Neuesten Studien zufolge ist dieses nicht zum Kosten zwingen auch wichtig für die Allergierprävention. Kinder sind noch viel sensibler auf Lebensmittel und manchmal vertragen sie ein Lebensmittel wirklich (noch) nicht. Und das spüren sie auch bereits beim Essen. Das mag ein Kribbeln auf den Lippen sein oder ein leichtes Brennen auf der Mundschleimhaut, das ihnen sagt „Stopp, das esse ich lieber nicht!“

Und zwei Jahre später ist ihr Körper dann ein Stück weiter gereift und sie vertragen das Lebensmittel gut und plötzlich schmeckt es ihnen dann vielleicht sogar. Wir dürfen unseren Kinder viel mehr zutrauen als wir uns manchmal trauen!

Soll ich für das heikle Kind etwas extra kochen?

Definitiv nein!

Mama sein ist viel Arbeit und da wollen wir es uns doch nicht noch mehr verkomplizieren. Außerdem ist der langfristige Nutzen dieser Strategie sowieso eher fragwürdig.

Plane lieber das Essen mit den Kindern gemeinsam für ein paar Tage voraus. So bekommt jeder mal seine Lieblingsspeise und gerade im Kleinkindalter geht es manchmal eher um die Mitbestimmung als um den Geschmack. Und vergiss nicht bei der Planung auch auf deine eigenen Vorlieben Rücksicht zu nehmen!

Dann kann man natürlich auch innerhalb einer Mahlzeit flexibel bleiben. Vielleicht schmeckt deinem Kind heute die Hauptspeise nicht, dafür aber die Suppe – dann darf es gern noch einen Nachschlag von der Suppe statt des Hauptgerichts haben.

Plane Mahlzeiten, bei denen man etwas auswählen kann – wie zum Beispiel verschieden belegte Brötchen, Suppen, die man mit verschiedenen Dingen (Croutons aus Vollkornbrot, gebratene Pilze, Kürbiskerne, …) aufpeppen kann oder – eines unserer Lieblingsrezepte Fajitas.

Wenn das alles gar nicht geht, dann gibt es vielleicht eine ganz einfache Alternative – zum Beispiel ein Butterbrot mit Schnittlauch.

3 Tipps für mehr Entspannung am Familientisch

Zum Abschluss noch drei wichtige Tipps:

  1. Nenne das Essen nicht „gesund“

Die Sprache macht unsere Wirklichkeit – stell dir vor: das Kind spuckt etwas aus, weil es ihm nicht schmeckt, und du sagst: „Aber das ist doch gesund!“. Und schon entsteht im Kopf des Kindes der Umkehrschluss: Gesundes schmeckt nicht!

  1. Verknüpfe das Kosten und Essen nicht mit deinem Selbstwert

Nimm es nicht persönlich, wenn dein Kind dein liebevoll selbstgekochtes Essen nicht einmal kosten mag. Ich weiß, das ist viel leichter gesagt als getan, aber es liegt nicht an dir!

  1. Entspann dich!

Sieh es so: du bestimmst das Angebot, denn du bist diejenige, die einkauft! Und dein Kind darf dann bestimmen, was und wie viel es von deinem Angebot isst. Vertrau auf dein Kind, es wird sich holen, was es braucht! Und eine entspannte Grundstimmung am Esstisch ist ein super Appetitanreger …


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Mama-Coach Vera Rosenauer

Vera Rosenauer

Mama-Coach mit Herz, Hirn, Humor und langjähriger Erfahrung, Mama von zwei großartigen Töchtern, passionierte Langschläferin, Besitzerin (und Leserin!) mehrerer Kubikmeter Fachliteratur

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