Wenn eine Ehe zu Ende geht …

Ich bekomme recht oft Anfragen von diversen SEO-Agenturen, ob sich denn nicht ein Gastartikel auf meinem Blog veröffentlichen ließe (ehrlich, ich könnte einen eigenen Blog nur mit Fremdinhalten betreiben …) – aber von einer Anwaltskanzlei habe ich erstmals vor kurzem eine Anfrage bekommen. Noch dazu mit dem spannenden Namen https://www.online-scheidung-deutschland.de/

Scheidung ist zwar kein schönes Thema, aber die Statistik zeigt, dass doch sehr viele davon betroffen sind. Auch aus meiner Arbeit mit Eltern weiß ich nur zu gut, wie sehr ein Kind die Paarbeziehung der Eltern auf die Probe stellt. Grund genug also, Niklas Clamann zum Interview zu bitten.

FAQ an den Scheidungsanwalt

Niklas Clamann ist Rechtsanwalt im Familienrecht mit einer Kanzlei in Münster (Westf.). Hier hat er sich besonders auf die einvernehmliche Scheidung spezialisiert, die er auch als Onlinescheidung durchführt. Er begleitet Mandant:innen aus ganz Deutschland in ihrem Scheidungsprozess.

Deine Website heißt https://www.online-scheidung-deutschland.de/ - funktioniert eine Scheidung tatsächlich auch bereits online?

Nicht alles, aber ein Großteil der Scheidung funktioniert online. Um den Wermutstropfen vorwegzunehmen: Mindestens ein Mal müssen sich die Eheleute beim Scheidungstermin persönlich vor Gericht gegenüberstehen. Online lässt sich dagegen alles vor und nach diesem Gerichtstermin erledigen: vom Scheidung einreichen über Beratungen bis zur Nachbesprechung des Scheidungstermins. Das Prozedere wird dadurch für meine Mandant:innen angenehmer und flexibler. Es ist kein Termin mit aufwendiger Koordination und teilweise langer Anfahrt nötig, sondern (fast) alles kann von zuhause aus und zu jeder Tages- und Nachtzeit erledigt werden.

Von jeder Regel gibt es natürlich Ausnahmen. Mir ist zum Beispiel ein Fall bekannt, in dem der Ehemann aus dem Gefängnis per Videocall zu seiner Scheidung hinzugeschaltet wurde – da war der Aufwand, ihn zum Termin vorzuführen und das Fluchtrisiko zu groß, um auf das persönliche Erscheinen vor Gericht zu beharren. Aber auch, wenn ein:e Ehepartner:in seinen/ihren ständigen Wohnsitz im Ausland hat und die Anreise sehr weit wäre, ist die Scheidung als Videokonferenz denkbar.

Bei mir am Blog lesen auch viele österreichische Leser*innen mit, unterscheidet sich das österreichische Scheidungsrecht eigentlich sehr vom deutschen?

Das österreichische Scheidungsrecht unterscheidet sich in einigen Punkten vom deutschen Scheidungsrecht. Der wohl markanteste Punkt ist, dass in Österreich das Verschuldensprinzip gilt. Damit ist gemeint, dass ein:e Ehepartner:in die sogenannte „Zerrüttung der Ehe“ durch eine schwere Verfehlung ausgelöst hat. Die kann zum Beispiel in körperlicher Gewalt, aber auch „schon“ im Fremdgehen gesehen werden. Ist das der Fall, kann eine Ehe in Österreich sofort geschieden werden. Ansonsten kann eine Ehe in Österreich einvernehmlich nach 6 Monaten und, wenn sich eine:r gegen die Scheidung sträubt, spätestens nach 6 Jahren Trennung geschieden werden. In Deutschland dagegen muss man grundsätzlich ein Trennungsjahr, also 12 Monate, durchleben, bevor man sich einvernehmlich scheiden lassen kann. Ausnahmen davon werden nur in sehr seltenen Fällen gemacht, das sind dann sogenannte Härtefallscheidungen. Dafür muss man hier bei einer nicht-einvernehmlichen Scheidung nur höchstens 3 Jahre warten.

Recht ähnlich ist das Scheidungsrecht dagegen im Hinblick auf die Kinder. In beiden Ländern wird Kindesunterhalt gewährt und in beiden Ländern muss nach der Scheidung das Sorge- und Umgangsrecht geregelt werden. Gerade bei diesem Thema ist es an den Eltern, möglichst informell eine Lösung zu finden, die allen Familienmitgliedern gerecht wird. Dafür haben sich in Deutschland wie in Österreich dieselben Modelle herausgebildet: Der Klassiker "Residenzmodell", bei dem der nicht betreuende Elternteil etwa alle 2 Wochen gesehen wird; das "Wechselmodell", bei dem sich die Eltern die Betreuung 50:50 teilen und Exoten wie das "Nestmodell", bei dem die Eltern abwechselnd beim Kind einziehen, statt es hin- und herzuschicken.

Auch die Empfehlungen, was die Kommunikation unter den Eltern während der Scheidung angeht, unterscheiden sich nicht zwischen den Ländern. Ich denke, solche Informationen rund um die Scheidung sind für deine Leser:innen aus beiden Ländern gleich relevant.

Ich greife hier gleich das Stichwort „Kommunikation“ auf – was wären da die wichtigsten Empfehlungen aus deiner Sicht als Anwalt?

Meiner Erfahrung nach ist eine faire Kommunikation auf Augenhöhe der Schlüssel, um Konflikte zu minimieren und die Trennung möglichst reibungslos zu gestalten. Natürlich ist das schwer. Gerade kurz nach der Trennung sind meistens verletzte Gefühle und vielleicht auch ein bisschen verletzter Stolz im Spiel.

Schon dort kann man in der Kommunikation ansetzen: Wer seine Gefühle und Anliegen ruhig und respektvoll zum Ausdruck bringt, schafft eine transparente Grundlage. Hier ist es natürlich genauso wichtig, dass der Gegenpart zuhört und Verständnis zeigt. Und damit meine ich wirklich aktives Zuhören und Durchdenken des Gesagten. Damit lassen sich viele Missverständnisse umgehen.

Besonders wichtig ist es auch, Schuldzuweisungen zu vermeiden. Natürlich machen sich Eheleute in der Trennungsphase Gedanken, wie es so weit kommen sollte, dass jetzt die Scheidung bevorsteht. Aber die Wahrheit ist: Oft geht der Trennung ein langer Prozess voraus, an dem beide beteiligt sind. Dem/der anderen die alleinige Schuld zusprechen zu wollen, verhärtet nur die Fronten und sorgt, wenn Kinder involviert sind, für Loyalitätskonflikte. Besser ist, sich gemeinsam auf die Lösung der aktuellen Probleme zu konzentrieren.

Stoßen die Eheleute in der Kommunikation immer wieder an ihre Grenzen, sollten sie sich nicht scheuen, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Es gibt Mediator:innen, Beratungsstellen, Psycholog:innen und Anwält:innen, die als neutrale Fachleute darin geübt sind, konstruktive Kommunikation zu den Eheleuten zu fördern und sie beim Ansprechen auch schwieriger Themen zu unterstützen.

Wie kann man sich auf den Termin beim Anwalt am besten vorbereiten bzw. kann man sich überhaupt vorbereiten?

Es ist auf jeden Fall sinnvoll, sich auf den Termin beim Anwalt oder bei der Anwältin vorzubereiten. Damit kann man sich selbst die Angst vor diesem doch eher unliebsamen Gespräch nehmen, andererseits kann man so das Beste aus dem Termin rausholen.

Im Vorfeld sollte man alle relevanten Unterlagen sammeln, die mit der Scheidung zusammenhängen. Das können z.B. Eheverträge, gemeinsame Eigentums- und Finanzunterlagen oder Schuldeninformationen sein. Man kann auch vorher bei dem/der Anwält:in nachfragen, welche Dokumente benötigt werden. Je mehr Informationen zur Verfügung stehen, desto besser kann man als Anwält:in die Situation verstehen und passende Ratschläge geben.

Ansonsten sollte man sich Gedanken machen, welche Fragen und Anliegen man hat und diese bestenfalls notieren, um sie beim Termin nicht zu vergessen. Sinnvoll ist es auch, sich vorher bestenfalls gemeinsam mit dem/der Ehepartner:in klare Ziele zu setzen: Wie wollen wir mit unseren Finanzen umgehen? Wer soll die Kinder wie oft sehen? Wollen wir einen Versorgungsausgleich? Als Anwält:in kann man Auskunft geben und beraten, aber nicht die perfekte Lösung diktieren. Die findet man am besten außerhalb der Kanzlei.

Wie kann man eine Scheidung gestalten, so dass der Konflikt auf der Partnerebene nicht noch mehr eskaliert und man in Zukunft die Elternebene so gut wie möglich partnerschaftlich gestalten kann und das Kindeswohl gewahrt bleibt?

Wichtig sind die schon angesprochenen Punkte: Kommunikation auf Augenhöhe und die Bereitschaft, Hilfe anzunehmen, falls nötig.

Wenn Kinder in die Scheidung involviert sind, sollten die Eltern immer den Fokus auf das Kindeswohl legen. Im Scheidungsprozess sollten die eigenen Konflikte und Streitigkeiten nicht vor den Kindern ausgetragen werden und diese schon gar nicht für Machtspielchen benutzt werden. Stattdessen ist es wichtig, die Trennung der Eltern gemeinsam mit dem Kind aufzuarbeiten, ihm Ängste zu nehmen und seine Gefühle und Bedürfnisse zu unterstützen.

Langfristig ist es hilfreich, einen möglichst genauen Plan zu erstellen: Wie wird die Betreuung aufgeteilt? Wie wird mit Feiertagen und besonderen Anlässen umgegangen? Wer ist für welche finanziellen Ausgaben zuständig? Je detaillierter diese Punkte geklärt sind, desto weniger Missverständnisse können entstehen. Die Eltern bekommen so ein klares Verständnis von ihrer neuen Rolle und ihrer Verantwortung und niemand fühlt sich übergangen. Dabei sollte man sich aber nicht stur an den Plan halten, nur weil er einmal aufgestellt wurde. Hier sollte man zum Wohle des Kindes flexibel sein und Anpassungen vornehmen, wenn sich die Lebensumstände oder die Bedürfnisse des Kindes ändern.

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